Shoot! Shoot! Shoot! Fotografien der 1960er und 70er

Ausstellung mit Werken aus der Nicola Erni Collection im Münchner Stadtmuseum

Die Fotos entstanden bei der Pressekonferenz zur Ausstellungseröffnung von „Shoot! Shoot! Shoot!“ im Münchener Stadtmuseum.

Die 1960er und 70er Jahre standen im Zeichen des Umbruchs, der Provokation und der kreativen Energie, die eine Neuordnung der gesamten Kunstszene auslösten. Die Ausstellungsmacher nehmen die Zeit aus sozialer und historischer Perspektive unter die Lupe. Sie fragen auch nach der zentralen Rolle des Fotografen, der die Selbstdarstellung der Prominenz überhaupt erst in dieser opulenten Form möglich machte. Ich möchte vor allem die ausdrucksstarken Kunstwerke auf mich wirken lassen – unabhängig von Zeit, Ort, abgebildeter Person, kunst- oder sozialwissenschaftlicher Interpretation.

Flüchtige Bilder

Im ersten Ausstellungsraum stehe ich verwundert vor einem großen, leeren Bilderrahmen. Ein Balken gleitet von oben nach unten über die Fläche und lässt ein pixeliges Bild entstehen: Ich sehe mich selbst, wie ich gerade noch vor einem Augenblick die Installation betrachtet habe. Nach wenigen Sekunden verschwindet das Bild und eine neue Momentaufnahme entsteht. Die „Temporary Printing Machine“ des Künstler- und Designer-Kollektivs Random International soll die Bilderwelt der Swinging Sixties und Seventies mit den flüchtigen Bilderströmen der Gegenwart verknüpfen. Der Zusammenhang wirkt etwas konstruiert, aber mir macht das aktivierende Element Spaß und ich stelle mich gleich noch einmal in den Fokus der fast unsichtbaren Minikamera.

Installation „Temporary Printing Machine“ von Random International.

Partyleben ohne Berührungsängste

Ich bin begeistert vom visuellen Rahmen des Ausstellungskonzepts: Sieben ineinander übergreifende Themen, getrennt durch verschieden farbige Wände, präsentieren großzügig gehängte Bilder. Der erste Raum glitzert silbrig – passend zur Kreativschmiede „Silver Factory“ von Andy Warhol, der mit gekonnter Selbstinszenierung die Medien und die Prominenz zu steuern wusste. Warhol nutzte das Medium Fotografie sowohl vor, als auch hinter der Kamera und stürzte sich ins Partyleben. Wie in der gesamten Ausstellung werden Bildikonen mit weniger bekannten Motiven gemischt und dokumentieren hier einen exzentrischen und auch nachdenklichen Künstler.

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Ron Galella: Trampoline – Opening of new happening discotheque „The Gymnasium“. Nico from Velvet Underground and another blonde lying on a trampoline, New York, 13.04.1967 © Ron Galella, Ltd.

Im Fokus steht der Mensch, nicht nur der Star

Die Fotografen waren experimentierfreudig: mit bewussten Inszenierungen, sehr professionellen Mode- und Porträtfotos wie Twiggy von Bert Stern und gleichermaßen mit sehr authentischen Schnappschüsse aus dem Privatbereich der Prominenten wie eine Kissenschlacht mit den Beatles von Harry Benson oder einer sehr entspannten Romy Schneider in Paris von Will McBride. Viele Motive entstanden hinter den Kulissen, in Clubs oder als Teil einer Bilderserie. Der Zeitgeist der 1960er/70er hat eine – aus heutiger Sicht – fast naiv wirkende Nähe zu den Stars zugelassen, mit der der Fotograf das Menschliche unmittelbar einfangen konnte.

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Jeanloup Sieff: Yves Saint Laurent poses for his perfume’s ad campaign, Paris, 1971 © The Estate of Jeanloup Sieff

Erfolgreiche Symbiose

Der Promi profitierte vom künstlerischen Auge des Fotografen und dieser wiederum vom Glamourfaktor des Motivs. Beide akzeptierten sich auf Augenhöhe. Durch die Professionalisierung der Marketingmaschinerie, wurde der Fotograf aus dem inneren Kreis praktisch ausgeschlossen. Was wiederum das Paparazzitum förderte. Heute wird nicht nur die Bildauswahl, sondern schon die Aufnahmesituation vom Marketing gesteuert. Der Zufall ist nicht mehr erwünscht und wird schnell als PR-Panne eingestuft. Die nach Aufmerksamkeit gierenden B- und C-Promi-Selfies sind das beste Beispiel. Wo es eben professioneller zugeht, ist es oft für den Betrachter etwas langweiliger. Umso spannender wirken die Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus der Nicola Erni Collection auf mich.

Einen Einblick in die vielen großen Namen vor und hinter der Kamera gibt die Webseite des Stadtmuseum München.

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Paul Schmulbach: Guarding against the Godfather – Marlon Brando and Ron Galella. The Waldorf Hotel, New York, 1974 © Ron Galella, Ltd.

Katalog zur Ausstellung

Der Katalog ist eine schöne Ergänzung zur Ausstellung – bildlich wie textlich – und auch als eigenständige Publikation wertvoll. Die Texte folgen eher wissenschaftlich dem Ausstellungskonzept, enthalten aber viele Informationen und kleine Geschichten.

Neben der ansprechenden Gestaltung, bietet der Katalog ein ausführliches und übersichtliches Werkverzeichnis und ein Glossar sortiert einmal nach den Fotografen und einmal nach den abgebildeten Personen.

Shoot! Shoot! Shoot! Fotografien der 60er und 70er Jahre aus der Nicola Erni Collection
Konzeption: Ulrich Pohlmann, Ira Stehmann
224 Seiten, gebd., Hardcover, Deutsch/Englisch
Hirmer Verlag München
Preis 29,90 Euro
Der Katalog ist nur an der Museumskasse und im Online-Shop während der Laufzeit der Ausstellung erhältlich.

Nicola Erni Collection

Aus dem Sammlungsschatz der Nicola Erni Collection zeigt das Stadtmuseum München mit rund 200 sehr lebendigen Fotografien einen Querschnitt aus verschiedenen künstlerischen Bereichen der turbulenten Epoche der 1960er und 70er Jahre.

Die Schweizer Kunstsammlerin begann vor 18 Jahren zu sammeln und kauft Werkgruppen in Galerien und Künstlerstudios.

Münchner Stadtmuseum

Kurator: Ulrich Pohlmann, Sammlung Fotografie
Laufzeit der Ausstellung: 16. September 2016 bis 15. Januar 2017

St.-Jakobs-Platz 1
80331 München

Dienstag – Sonntag 10.00-18.00 Uhr, montags geschlossen, bitte Feiertage beachten

www.muenchner-stadtmuseum.de

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