Buchtipp: „Bedouin“ von Stefan Loeber

Eine Fotoreportage über das Leben der Beduinenstämme in der Wüste Negev

Crowdfunding war für mich damals Neuland. Das Fotobuch „Bedouin“ von Stefan Loeber war das allererste Projekt dieser Art, das ich unterstützt habe. Das Thema und die Bildsprache haben mich sofort begeistert. Kurzer Hand trafen wir uns in der TU München und sprachen über seine Reportage, die als Bachelor-Arbeit begann und letztlich zu einer Buchveröffentlichung im Kerber Verlag wurde.

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„Bedouin“ ist das erste Fotobuch von Stefan Loeber und in Eigenregie entstanden.

Die Grundidee

2014 griff Stefan Loeber mit seiner Bachelor-Arbeit ein umstrittenes soziales Thema aus Israel auf. Er wollte wissen, wie die Beduinen in der Wüste Negev leben. Dabei erfuhr er schnell, dass es schwer war, zu dieser verschlossenen Bevölkerungsgruppe durchzudringen. Die Beziehung zum Israelischen Staat und aktuelle politische Fragen zum IS standen ebenso im Raum, wie die Stellung der Frau in den Beduinenstämmen und im Islam. Stefan Loeber ging behutsam vor und versuchte zu verstehen, was diese Menschen bewegt. Ich finde, er transportiert es mit den respektvollen Fotografien und Texten in seinem Buch „Bedouin“ sehr gut.

Die aktuelle Situation der Beduinen

Die Beduinen leben auf dem Land nach ihren Stammesgesetzen, nach strengen Traditionen. Mit einer der höchsten Geburtenraten weltweit verdoppelt sich die Beduinen-Bevölkerung in der Wüste Negev alle 15 Jahre. Inzwischen leben über 200.000 Menschen dort – die Hälfte in sogenannten nichtanerkannten Dörfern, die regelmäßig vom Staat zerstört werden. So entsteht beispielsweise die Situation, dass ein Wohnzimmer mit einer Plane, einem Teppich und einem Fernseher improvisiert wird. Eine archaische Gesellschaft, die vom Staat nicht gewünscht ist und dennoch stetig wächst: Stefan Loeber dokumentiert in ruhigen, manchmal melancholischen Bildern diese schwierige Lage der Beduinen in der Wüste Negev in Israel.

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Zwar finde ich die Typo etwas zu groß geraten, dafür gefällt mir umso besser die zurückhaltende Farbgebung, die harmonisch zu den Bildern der Wüstenlandschaft passt.

Buchgestaltung und Verarbeitung von „Bedouin“

Gleich zu Anfang zeigt eine Landkarte die Dörfer der Beduinen. Man erfährt einiges in den Texten, die Bilder erzählen eigenständig ihre Geschichten einer uns fremden Welt. In englischer Sprache wird die Situation auch anhand von persönlichen Schicksalen beschrieben.

„We usually call my father IS … What do you think about IS? Do you even know them? Are you a Muslim? I think, they’re right! They do the right thing, there is only one way.“

Mir gefällt die zurückhaltende Farbgebung der Fotografien – lediglich zwei Schwarz-Weiß-Porträts brechen etwas unvermittelt den Bildstil. Der weiße Rahmen um die Bilder unterstreicht die ruhige Atmosphäre. Mit einer soliden Verarbeitung und mattem Naturpapier, bietet das Buch eine angenehme Haptik. Aber ein paar Schwächen sehe ich auch: So finde ich die Schrift der Texte zu groß geraten. Die Kombination aus Schriftgröße, Zeilenabstand und Zeilenlänge lädt nicht zum Lesen ein. Insgesamt würde ich dem Buch mehr Hintergrundtexte wünschen, aber typografisch anders gelöst. Gänzlich fehlende Bildunterschriften oder Kapiteleinteilungen erschweren die Übersicht und lassen Wünsche nach Informationen zu den einzelnen Motiven offen. Ein paar Mal nehmen Texte Bezug auf nachfolgende Bilder, aber für mich nicht ausreichend.

Fazit

Konzeptionell hat „Bedouin“ noch Luft nach oben: Die Verbindung von Bild- und Textinhalten ist noch nicht ganz geglückt. Aber Stefan Loeber setzt sich mutig mit einem schwierigen Thema auseinander und die wunderbaren Aufnahmen lassen einen die Leseschwierigkeiten vergessen. Die Bilder erzählen eindringliche Geschichten über die Menschen und erzeugen eine ganz eigene Stimmung. Fotojournalismus, der neugierig macht und uns die ferne Beduinenwelt in der Wüste Negev näher bringt – oder uns überhaupt erst darauf aufmerksam macht.

Stefan Loebers Erfahrungen in Israel

Das Thema Beduinen in der Wüste Negev bietet weitaus mehr, als man im Buch nachlesen kann. So hat Stefan Loeber persönlich (z.B. bei der Buchvorstellung im Ausstellungsraum Kösk München) viel zu erzählen. Einzelschicksale und Zusammenhänge, Details und seinen Blick von außen. Wer sich dafür interessiert, kann hier in einem Interview ein wenig darüber nachlesen: Kerber Verlag

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Ausstellungseröffnung und Buchpräsentation „Bedouin“ am 16. Dezember 2015 im Kösk, der Plattform für junge Kunst und Kultur in München.

stefan-loeber-bedouin-titel-2Stefan Loeber: Bedouin
gebunden, 212 Seiten, 64 Abb., Englisch,
Kerber Verlag München,
Dezember 2015
36,– Euro,
ISBN 978-3-7356-0200-8

Mehr unter kerberverlag.com

Das Fotobuch „Bedouin“ können Sie auch direkt bei Stefan Loeber bestellen: info@stefanloeber.de

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Stefan Loeber, geboren 1988 in Rosenheim, lebt und arbeitet als freischaffender Fotograf in München. Das Studium Fotodesign beendete er 2015 mit seiner Bachelor-Arbeit über Beduinen in Israel. Dazu wurde Ende 2015 im Kerber Verlag das Fotobuch „Bedouin“ herausgegeben.

www.stefanloeber.de
www.facebook.com/StefanLoeber

Interview mit Stefan Loeber

Der junge Münchener Fotograf erzählt von der Entstehung seines ersten Fotobuchs „Bedouin“.

Zum Interview