Chinas junge Frauen: Reflexion und Selbstwahrnehmung

Gitta Seiler erkundet das (Selbst-)Bild der neuen Generation

Im Zentrum von Gitta Seilers künstlerischer Arbeit stehen Mädchen und junge Frauen. Dabei interessiert die Fotografin der Kontext zur Gesellschaft, in der diese leben. Ob Randgruppen oder Mehrheiten, Gitta Seiler betrachtet sie über lange Zeit sozialkritisch und äußerst menschlich.

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Die Leipziger Buchmesse bietet nicht viele interessante Fotothemen, deshalb habe ich mich sehr gefreut, dort die Fotografin Gitta Seiler zu treffen.

23. März 2017, arte: Der Journalist und Sinologe Tilman Spengler im Gespräch mit der Fotografin Gitta Seiler über ihr gemeinsames Buchprojekt „Die Frau im gelben Gewand“. (Das Projekt entstand in Zusammenarbeit mit der Robert Bosch Stiftung.)

Die Großmutter der Frau im gelben Gewand hätte vor der Kamera ihre Hände auf keinen Fall vor dem Schoß gefaltet. Sie hätte sie eng an die Nähte der Hose gelegt …

Tilman Spengler, aus dem Buch „Die Frau im gelben Gewand“

China von außen betrachtet

Der deutsche Sinologe, Schriftsteller und Journalist Tilman Spengler begleitet den Bildband mit einem Vorwort und einem unterhaltsamen Essay über den Wandel der Frau in der chinesischen Gesellschaft. Auf vielen Chinareisen hat er das Land, die Leute und die Obrigkeit kennengelernt. Er selbst sagt, er bleibe immer nur so lange dort, dass er China mit dem nötigen Abstand betrachten könne.

Voll analog

Gitta Seiler ist eine Fotografin der alten Schule – technisch gesehen. 1991 lernt sie Arno Fischer (geb. 1927, gest. 2011) kennen und macht unter ihm 1998 ihr Diplom an der FH Dortmund.

In ihre analoge Mittelformatkamera legt sie meistens Farbfilme ein. So auch 2011, als sie mit einem Stipendium des Goethe-Instituts sechs Wochen lang in Peking und zwei Wochen in Shanghai an ihrem Projekt arbeitet. Auf der zweiten China-Reise, 2015, fotografiert sie bewusst vermehrt mit ihrer Kleinbildkamera in Schwarzweiß (auch 2011 entstanden bereits SW-Fotos). Im Bildstil mischen sich reportagige Aufnahmen und modern, lockere Porträts der jungen Chinesinnen.

Durch die langen Jahre, in denen ich mich mit Frauenthemen beschäftige, stecke ich tief in der Materie und möchte weitere Aspekte erforschen.

Gitta Seiler

Mädchenthemen ohne rosa Brille

Gitta Seiler beobachtet, analysiert und seziert die Menschen und die Gesellschaft behutsam. Ihre Protagonistinnen bleiben immer sie selbst. Vielleicht nach einem Gespräch mit der Fotografin mehr, als zuvor? So sind bereits vier Fotoserien über jugendliche Mädchen entstanden, die im Fotobuch „Mädchen“ (Kehrer Verlag) zusammengefasst sind: „weggerannt“, „abgetrieben“, „eingesperrt“, „ungewollt“.

„eingesperrt“ – 2002 porträtiert die Fotografin jugendliche Insassen eines Frauengefängnisses. Sie dokumentiert einen eintönigen Alltag, in dem die jungen Frauen ein Stück Normalität, einen Schimmer der äußeren Welt, bewahren möchten. „ungewollt“ – über zehn Jahre hinweg beschäftigt sich Gitta Seiler fotografisch mit Teenager-Müttern. „abgetrieben“ – auch minderjährigen Patientinnen in einer Abtreibungsklinik in St. Petersburg/Russland gibt sie durch ihre Bilder eine Stimme in der Gesellschaft. „weggerannt“ – dokumentiert das Leben von jugendlichen Ausreißerinnen.

In China habe ich statt Kinder junge Erwachsene fotografiert, um mein Projekt nicht etwa aus Rechtegründen zu gefährden.

Gitta Seiler

Die neue Generation in China

Gitta Seiler nimmt junge Chinesinnen, die an der Schwelle zum Berufsleben stehen, in den Fokus. Äußerlich eine neue Generation – die aber ihren Weg noch finden muss.

Die jungen Erwachsenen in den Ballungsräumen sind meist als Einzelkinder groß geworden. Verwöhnt von Opa und Oma, auf Erfolg getrimmt von den Eltern. Die jungen Frauen sind zielstrebig und wollen Karriere machen, unabhängig sein. Im Hintergrund besteht das alte Rollenbild Mann-Frau weiterhin. Wer nicht verheiratet oder zumindest verlobt ist, wird in der Gesellschaft nicht so hoch angesehen – das gilt für Männer wie Frauen. Durch die Jahrzehntelange Geburtenkontrolle gibt es einen deutlichen Männerüberschuss im heiratsfähigen Alter und die Ansprüche der jungen Frauen steigen: Der zukünftige Gatte sollte ein Haus oder eine Wohnung und ein Auto besitzen, am besten in einem guten Schulbezirk für die (zwei) zukünftigen Kinder.

Fast immer dominiert der Gedanke die Eltern nicht zu enttäuschen. So vergessen oder verdrängen die jungen Frauen ihre eigenen Wünsche.

Gitta Seiler

Fast 40 Jahre Ein-Kind-Politik

Einschneidend für die Geschichte der Frau in China war die Ein-Kind-Politik (1979 bis 2016 – jetzt sind jedem Paar offiziell zwei Kinder erlaubt). Traditionell wurde die Erblinie vom ersten Sohn weitergeführt. Die Mädchen wurden als geringer angesehen und oft abgetrieben, als Baby getötet oder in ein Waisenhaus gegeben. Trotz Ein-Kind-Politik gab es wohl etliche Ausnahmen wie z.B. bei Bauersfamilien, die nach einem weiblichen Erstgeborenen noch einen Jungen versuchen durften. 2012 stand die statistische Geburtenziffer bei 1,55 Kindern pro Frau. Die junge Generation kann also etwas freier mit der Familienplanung umgehen. Mädchen und Frauen finden so sicher zu mehr Selbstsicherheit, um ihren Platz in der Gesellschaft einzunehmen.

Es gab meinerseits keine Vorgaben, außer dem Verzicht auf das Victory-Zeichen – eine für die Chinesen beliebte Geste und für sie fast schon ein „Muss“ auf Fotos.

Gitta Seiler

Wer sind die Frauen?

Für Portraitaufnahmen hat Gitta Seiler Studentinnen z.B. an Hochschulen willkürlich angesprochen und fotografiert. Eine weitere Facette der jungen Frauen zeigt sie im „Konsumrausch“. Gitta Seiler ist fansziniert von den überdimensionalen Einkaufszentren, durch die riesige Menschenmassen schieben. Hier ist die Außenwirkung im Erscheinungsbild und Verhalten besonders wichtig. In den Bildern scheinen viele der Frauen über ihrer neugewonnenen Individualität eine Art Uniform von Verhaltensregeln, Gestik und Mimik zu tragen. Aber es gibt auch entspannte Situationen, in denen die Frauen ganz bei und für sich sind. Gitta Seiler beobachtet genau und hält in ihren Bildern den Wandel der jungen Frauen in China fest.

Buchgestaltung und Verarbeitung

Das kleine Format (21 x 21 cm) ist klar und mit viel Weißraum gestaltet, ein bis zwei Bilder pro Doppelseite. Ebenso übersichtlich sind die mehrsprachigen Begleittexte eingebettet. Ein unaufregendes Design, bei dem man sich voll und ganz auf die Fotografien konzentrieren kann. Leider fehlen Bildunterschriften zu den Motiven. Dafür ist das Hardcover-Buch solide verarbeitet (2. Auflage).

Unterstützung bei der Realisierung

Es ist nicht so einfach, ein professionelles Fotobuch auf den Markt und in die Öffentlichkeit zu bringen. Dazu braucht es viele, viele Kontakte und auch finanzielle Förderung. Mit viel Einsatz erreichte Gitta Seiler ihr Ziel:

Gitta Seiler sammelte Mitte 2016 mit einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne bei visionbakery.com rund 6000 Euro Unterstützungsgelder für ihr Buchprojekt.

Förderung durch das Residence Programm des Goethe Instituts.

Förderung durch die Robert Bosch Stiftung im Programm „Grenzgänger China – Deutschland“.

Eine Teilförderung für den Buchdruck gab es von VG Bild und Kunst (Stiftung Kulturwerk of VG Bild-Kunst, Bonn) und von der Alfred Ritter GmbH & Co KG (der Schokoladenhersteller :-).

Fazit

Ein thematisch und fotografisch interessanter kleiner Bildband von Gitta Seiler, den ich gerne durchblättere und mir dabei ganz genau die Outfits und die Selbstdarstellung der jungen Chinesinnen ansehe. Die amüsanten und anregenden Texte von Tilman Spengler halten wiederholtem Lesen ohne weiteres Stand ;-).

Die Autoren

Gitta Seiler (geb. 1967 in Metzingen) lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte Fotografie bei Arno Fischer an der FH Dortmund, am Muchina Institut in St. Petersburg, Russland und an der USP/ECA São Paulo, Brasilien. Freiberuflich seit 1998. Von 2007 bis 2012 Dozentin an der Ostkreuzschule für Fotografie. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet und gefördert, unter anderem mit dem Grenzgänger Stipendium der Robert Bosch Stiftung und dem Artist-in-Residence-Stipendium des GoetheInstituts in Peking, China. www.gittaseiler.com

Tilmann Spengler (geb. 1947 in Oberhausen) ist promovierter Sinologe, Journalist und Schriftsteller. Er begleitet Politiker auf China-Reisen, arbeitet für Rundfunk und Fernsehen und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht. Link Wikipedia

Quelle: Kehrer Verlag

Die Bilder entstanden auf der Leipziger Buchmesse 2017, Stand arte (Fotos: Susanne Wagner). Abgebildete Fotografien: © Gitta Seiler. Aus dem Fotobuch „Die Frau im gelben Gewand“, Kehrer Verlag

Buchtipp

Gitta Seiler: Die Frau im gelben Gewand
Text von Tilman Spengler
Gestaltet von Margarethe Hausstätter, ExtraGestaltung
Festeinband 21 x 21 cm 108 Seiten 29 Farb- und 39 S/W-Abb.
Deutsch/Englisch/Chinesisch
Erschienen 2016 im Kehrer Verlag
35,00 Euro, ISBN 978-3-86828-734-9

Mehr unter www.kehrerverlag.com

Noch ein Tipp:

Wenn Sie ab Juni 2017 ein Buch bestellen/kaufen möchten, achten Sie darauf, dass Sie ein Exemplar der 2. Auflage bekommen. Diese wurde druck- und verarbeitungstechnisch besser produziert als die 1. Auflage.