Beduinen in der Wüste Negev in Israel

Interview mit Stefan Loeber

Stefan Loeber kam eher zufällig zu dem Thema Beduinen in Israel. Er hat private Verbindungen zu dem Land und entdeckte während einer Autofahrt durch die Wüste Negev karge Hütten am Straßenrand. Seine Nachforschungen ergaben, dass dort und in mehreren Dörfern Beduinen leben. In Israel eine Randgruppe der Bevölkerung, die jedoch mehr als 200.000 Menschen ausmacht.

Dem wollte Stefan Loeber nachgehen und wählte das Thema für seine Bachelor-Arbeit. Die Bilder in der Wüste Negev entstanden 2014 während Loebers Aufenthalt in Israel. Er fotografierte gezielt, recherchierte ausgiebig und nahm sich der Geschichten und Schicksale der Beduinen-Bevölkerung an. Für mich eine gelungene fotojournalistische Arbeit.

Unter welchem Motto stand Deine Bachelor Arbeit?
Beduinen in der Negev-Wüste in Israel.

Hast Du Dein Ziel erreicht oder ist aus dem Projekt sogar mehr geworden als erwartet?
Es ist bei weitem größer geworden als erwartet. Ich hätte nie gedacht, dass ich so tief eintauchen und so viele Geschichten erleben kann. Daran, dass meine Bachelorarbeit sogar als Buch verlegt werden würde, war anfangs nicht zu denken.

Ist das Buch „Bedouin“ Teil oder eher Ergebnis Deiner Bachelor-Arbeit?
Es ist letztlich mehr als eine Bachelor-Arbeit. Diese Woche habe ich zum Beispiel diese Bildstrecke in Augsburg ausgestellt. Der Prozess von der ersten Idee, der Umsetzung und dann Ausstellen dauert immer noch an.

Welchen Bezug hast Du zu Israel und insbesondere zu den Beduinen in der Wüste Negev?
Meine Freundin ist Israelin, deshalb habe ich einen engen und persönlichen Bezug zu dem Land und den Leuten. Ich lerne hebräisch, habe über ein halbes Jahr in Tel Aviv gewohnt. Mein Interesse für das Thema Beduinen wurde während einer Autofahrt geweckt. Zufällig betrachtete ich die einfachen Hütten, die ganz unwirklich neben dem Highway standen. Intuitiv wollte ich mir das genauer ansehen.

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Chadra läuft über die Ruinen eines Schulgebäudes. Sie arbeitet für „sidreh lakiya“, eine Organisation, die für die Rechte der Beduinen und vor allem der Frauenrechte in der Beduinengesellschaft kämpft. Die Schule wurde gebaut, um dem Analphabetismus die Stirn zu bieten. Aber weil die Bauerlaubnis fehlte, wurde das Gebäude von der Polizei zerstört.

Wie oft und wie lange warst Du für „Bedouin“ in Israel? 
Um Vertrauen und auch ein Netzwerk aufzubauen fuhr ich regelmäßig von Tel Aviv aus zu den Dörfern. Über zwei Monate brauchte ich für die fotografische Umsetzung. Mein Ziel war es, immer authentische Bilder zu machen und tief in die Lebenswelt der Beduinen einzutauchen. Dazu ist es natürlich notwendig, dass man akzeptiert und verstanden wird und sich auch inhaltlich in die politische Situation einliest. Anfangs musste ich meine Reisen allerdings aufschieben, weil ich während des Gaza-Krieges dort war und es wegen des Raketenbeschusses unsicher war in den Süden zu fahren.

Meistens war ich alleine unterwegs. Außer, wenn ich Frauen fotografieren wollte. Dann fuhr meine Freundin als Vertrauensperson und Übersetzerin ab und zu mit.

Welche besonderen Herausforderungen gab es beim Fotografieren vor Ort?
Ich fiel mit meinem knallroten, winzigen Auto natürlich überall sofort auf. viele Leute hatten Angst oder wollten nicht fotografiert werden. Es war ein langer Weg zum Fotografieren zu kommen, und meistens konnte ich nur zwei bis drei Fotos machen. Wenn ich an einem neuen Ort akzeptiert wurde, war es eigentlich immer so, dass ich von Onkel zu Opa zu Cousin geführt wurde und zum Kaffeetrinken eingeladen wurde. Es gab viele Tage, an denen ich abends mit vielleicht nur 20 bis 30 neuen Fotos heimfuhr. Außerdem war es unmöglich frei zu fotografieren. Man brauchte sozusagen immer die Genehmigung eines Entscheiders vor Ort, ansonsten wäre es gefährlich gewesen. Das Licht war auch schwer zu kontrollieren, und somit hatte ich meistens nur ein enges Zeitfenster – entweder sehr früh oder eben abends.

Kunstlicht oder natürliches Licht?
Immer mit vorhandenem Licht, das natürlich auch mal von einer Lampe vor Ort erzeugt werden konnte.

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Stefan Loeber: Scheich in der Beduinenstadt Rahat, Israel, 2014.

Was war das schönste Erlebnis, das Du beim Fotografieren zu „Bedouin“ hattest?
Die Gastfreundschaft, die ich jeden Tag dort erfahren habe. Das hat mich schwer berührt und das vermisse ich sehr in Deutschland. Ich wurde so oft eingeladen – teilweise von Leuten, mit denen ich mich sprachlich nicht verständigen konnte. Trotzdem gab es eine positive und anregende Kommunikation zwischen uns. Ich habe generell menschlich viel gelernt. Der Zusammenhalt und die Unterstützung in den Familien ist unglaublich stark. Dass „der Fremde“ erstmal geehrt, eingeladen und interessiert empfangen wird würde ich mir in Deutschland viel mehr wünschen.

Was war das Erschreckendste?
Ich habe bei einem Termin eine Schießerei aus der Ferne gehört. Maschinengewehrsalven, gefühlt minutenlang. Unmittelbar zuvor waren wir an genau jenem Ort. Meine Freundin war mit dabei und wir hatten einen Termin mit einem sehr netten Mann, der uns die Kleinstadt zeigen wollte. Er erklärte uns, dass zwei Stämme eine Fehde austrugen, schon seit mehreren Monaten. Der Auslöser war ein Streit zwischen Kindern, der sich hochgeschaukelt hatte. Das war auf einem meiner letzten Termine und kurz vor meiner Abreise. Wenn das früher passiert wäre, hätte ich mich vermutlich anders verhalten.

Wie lange hast Du an dem Projekt gearbeitet, bis das Buch „Bedouin“ erschienen ist?
Von der ersten Idee bis zum Buchdummy war es fast ein Jahr. Anschließend folgte das Crowdfunding und der Buchdruck, was wiederum ungefähr ein halbes Jahr war.

Gibt es ein Foto, das Du besonders magst? 
Der kleine junge auf den Stühlen. Es entstand in der Ortschaft Al Arakib, welche regelmäßig von der Polizei kontrolliert und auch zerstört wird. die Bewohner leben unter einfachsten Bedingungen und wollen das Land, welches nach ihrer Ansicht in ihrem rechtmäßigen Besitz ist, nicht verlassen.

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Stefan Loeber: Al Arakib, 2014. „Das Bild entstand nach einer Hochzeitsfeier – die Stühle wirken wie Wolkenkratzer mitten im Nirgendwo.“

Mit der Buchgestaltung war es nicht getan. Du wolltest „Bedouin“ einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Aus welchen Gründen hast Du dafür eine Crowdfunding-Kampagne angestoßen?
Mein Wunsch war, dass das Projekt weitergehen sollte. Ich wurde von vielen Leuten ermutigt, diesen Schritt zu gehen. Ganz ohne das nötige Kleingeld geht es eben nicht, vor allem als – damals noch – Student. Jetzt wurde „Bedouin“ von der Stiftung Buchkunst auf der Longlist „Die Schönsten deutschen Bücher 2016“ genannt. Das hat mich sehr glücklich gemacht. Ich habe einen eigenen Buchbestand, den ich direkt auf Ausstellungen oder nach Bestellung verkaufe. Dadurch erlebe ich oft sehr nah, wie die Menschen auf meine Arbeit reagieren. Das Interesse und die Begeisterung geben etwas von der Energie zurück, die ich in das Projekt gesteckt habe.

Inwieweit bestand eine Zusammenarbeit mit der Georg von Vollmar Akademie e.V. für Dein Projekt?
Die Georg von Vollmar Akademie e.V. setzt sich für politische Bildung ein und so entstand die Zusammenarbeit. Ich stelle das Projekt regelmäßig aus und halte eine kurze Einführung in die Thematik der Beduinen in der Wüste Negev. Ich merke bei diesen Veranstaltungen immer, wie wenig Leute im Vorfeld von dem Thema wussten (wie ich zuvor übrigens auch) und wie berührt, begeistert und interessiert sie anschließend sind.

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Ausstellungseröffnung und Buchpräsentation „Bedouin“ am 16. Dezember 2015 im Kösk, der Plattform für junge Kunst und Kultur in München.

War es schwer einen Verlag zu finden?
Mit etwas Eigeninitiative war es möglich mehrere Angebote zu bekommen. Schließlich war das Angebot des Kerber Verlags das Passendste.

Wie war der Ablauf, wie und wobei hat Dich der Kerber Verlag unterstützt?
Anfänglich steht natürlich die Materialauswahl, technische Details usw. Der Verlag macht Pressearbeit und präsentiert das Buch auf diversen Buchmessen. Es war außerdem schön das Cover des Halbjahresprogramms zu stellen.

Wie viel Einfluss hattest Du auf die Gestaltung, Seitenzahl und die Verarbeitung?
Ich hatte das große Glück, dass ich schon bei meinem Buchdummy die fachliche Unterstützung von Herburg Weiland bekommen habe. Tom und Stephi Ising konnten mit ihrer Erfahrung das Projekt wesentlich unterstützen. Mein Buchdummy, den ich als meine Bachelorarbeit abgegeben habe, unterscheidet sich nur wenig vom fertigen Fotobuch „Bedouin“.

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Profil:

Name: Stefan Loeber
Geburtsort: Rosenheim
Geburtsjahr: 1988
Lebensmittelpunkt: München
Ausbildung: Studium Fotodesign in München
Beruf: Freischaffender Fotograf

Das Fotobuch „Bedouin“ können Sie direkt bei Stefan Loeber bestellen: info@stefanloeber.de

www.stefanloeber.de
www.facebook.com/StefanLoeber
kerber-blog.com/bedouin/

Buchtipp: Bedouin von Stefan Loeber

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In seinem ersten Fotobuch beschäftigt sich Stefan Loeber mit der schwierigen Situation der Beduinen in der Wüste Negev in Israel.

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